Gammelfleisch im Presserat

Der Beschwerdeausschuss des deutschen Presserates prüfte die Beschwerde von Schoggo-TV über den Artikel “Die Gammelfleisch-Party bei “Wetten, dass..?”" in Welt Online auf eine mögliche Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Alters und kam dabei zu einem Ergebnis, das sich die Produzenten von Ekelfleisch so wohl auf der Zunge zergehen lassen werden und zu neuen Rezeptideen veranlassen sollte, denn:

Gammelfleisch im Schlafrock kann sexy sein!

KISS 2008 in München

KISS 2008 in München

Music from the Elder

“You want the best? You got the best! The hardest band in the World KIIIISSSSS!!!!”, “The Demon” Gene Simmons (60, bald 61) und “The Starchild” Paul Stanley (58) sind als Frontmänner der 1973 gegründeten Rockband Kiss [-> Wikipedia] einfach nicht totzukriegen, wenn sie, wie am 3. Juni beim “Rock am Ring 2010″, mit Oldies wie “Rock and Roll All Nite” [-> YouTube] oder “Let Me Go, Rock ’n’ Roll” [-> YouTube] ihren Fans einheizen und damit ihr 1981 veröffentlichtes Konzeptalbum “Music from the Elder” [-> Wikipedia] Realität werden lassen: “I Was Made For Lovin´ You” [-> YouTube], sicherlich auch noch in “100,000 Years” [-> YouTube].

Von wegen “Hier riechts nach Rheumasalbe”; KISS sind der Beweis, warum niemand wegen seines Alters im beruflichen Bereich diskriminiert werden darf [-> § 1 AGG], da die Leistung im Beruf nicht zwangsläufig vom Alter eines Menschen abhängig ist, weshalb u.a. solche Rheumasalbensprüche zu einer Abmahnung oder gar Kündigung durch den_die Arbeitgeber_in führen können, wenn der_die Arbeitnehmer_in zuvor eine Vereinbarung gemäß der EU-Antidiskriminierungsrichtlinie unterschrieben hat.

Gene Simmons 2007

Gene Simmons (2007): Gammelfleisch?

Wetten, dass es hier nach Rheumasalbe riecht?

Im Rahmen ihrer Europatournee traten KISS am 27.02.2010 in der ZDF-Sendung “Wetten, dass..?” mit Thomas Gottschalk (59, jetzt 60) in Erfurt auf, wo sie dem Publikum im Saal und vor den Fernsehern mit den Songs “Say Yeah” und “I Was Made For Lovin’ You” [-> YouTube] kräftig Dampf machten.
Tags drauf veröffentlichte “Welt Online” die Fernsehkritik “Die Gammelfleisch-Party bei “Wetten, dass..?”” des Journalisten Uwe Felgenhauer (Alter unbekannt), welcher nicht nur die Band (”die Band Kiss [sorgte] für die Gammelfleisch-Party.”), sondern auch das durchschnittlich ältere Publikum im Saal (”Da ging die Gammelfleisch-Party erst richtig los.”) [-> Welt Online] unter den Begriff subsumierte, der 2008 zum Jugendwort des Jahres für Ü-30 Partys gewählt worden war [-> stern].

Auch wenn Ziffer 12 des Pressekodex [-> Deutscher Presserat] die Diskriminierung aufgrund des Alters nicht erwähnt, legte der Betreiber von Schoggo-TV (auch schon älter, dabei am 06.10.1980 Besucher des KISS Konzerts in der Schwarzwaldhalle Karlsruhe gewesen) am 28.02.2010 beim Deutschen Presserat [-> Wikipedia] eine Beschwerde gegen Herrn Felgenhauers Artikel ein [-> Schoggo-TV]. Wenn “Hier riechts nach Rheumasalbe” für eine arbeitsrechtliche Abmahnung oder Kündigung ausreichend ist, dann sollte “Gammelfleischparty” zu einer Missbilligung oder Rüge durch den Presserat führen.

Caro antiquus non olet oder Die Geschmacksnerven des Presserates

Datiert auf den 07.04.2010 erhielt der Beschwerdeführer gegen die “Gammelfleischparty” auf Welt Online vom Deutschen Presserat einen Brief, in welchem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Beschwerde “gemeinsam vom Vorsitzenden des Beschwerdeausschusses und der Geschäftstelle anhand des Pressecodex geprüft [werde]. Wird die Beschwerde in der Vorprüfung als offensichtlich unbegründet beurteilt, erhalten Sie einen abschließenden Bescheid. Diesen übersenden wir - Ihr Einverständnis vorausgesetzt - zur Information auch an die betroffene Publikation.”

Mit Schreiben vom 08.07.2010 teilte der Deutsche Presserat dem Beschwerdeführer mit, dass seine Beschwerde im Vorverfahren gemäß § 5 der Beschwerdeordnung geprüft worden sei, wobei der Presserat zur Auffassung kam, “dass ein Verstoß gegen den Pressecodex nicht vorliegt.”
Als Begründung wird dem Beschwerdeführer mitgeteilt:
“Sie [der Beschwerdeführer] erkennen in dem Begriff “Gammelfleisch-Party”, der in der Überschrift des Beitrags zu lesen ist sowie im Text wiederholt wird, eine Diskriminierung älterer Menschen. Die Beschwerdeausschussvorsitzende und die Geschäftsstelle [-> Mitglieder des Deutschen Presserats] haben im Laufe des Vorverfahrens besprochen, dass diese Art der Umschreibung in der Tat die Geschmacksfrage aufwirft. Die Auffassungen über guten und schlechten Geschmack sind bekanntlich jedoch sehr unterschiedlich. Der Deutsche Presserat hat es sich zum Prinzip gemacht, grundsätzlich keine Bewertung über Geschmacksfragen abzugeben.”

Würstchen im Schlafrock

Würstchen im Schlafrock

Kein Witz

Ob altes Fleisch stinkt oder nicht, dies ist eine Sache des individuellen Geschmacks, was die Produzenten und Händler von Gammelfleisch so fortan unter Berufung auf den Deutschen Presserat behaupten und deshalb ihre Waren, z.B. als gereiftes “Würstchen im Schlafrock” [-> Wikipedia] unter die Gourmets bringen sollten.
Arbeitnehmer_innen, welche wegen der Verwendung der Phrase “Hier riechts nach Rheumasalbe” einer Abmahnung oder gar Kündigung durch den_die Arbeitgeber_in entgegen sehen, mögen sich umgehend beim Deutschen Presserat einen Presseausweis für Journalist_innen besorgen.

Personen, welche sich über das obige Foto von KISS mit dem SS-Zeichen beschweren möchten, sei gesagt, dass “The Demon” Gene Simmons eigentlich Chaim Witz heißt und als solcher in Mannheims Partnerschaft Haifa in Israel geboren wurde [-> Wikipedia] - bei Schoggo-TV ist stets alles politisch korrekt und wenn diesbezüglich doch einmal Zweifel aufkommen sollten, so werden wir diese fortan als nicht justiziable Geschmacksfragen betrachten.

Mannheim, den 12.07.2010, 17:05 Uhr.

Bildnachweise

-> Wikipedia - “Kiss am 11.05.2008 in München” by Lokomotive74

-> Wikipedia - “Gene Simmons at Comic-Con International  2007, in San Diego, California” by Jason Mouratides

-> Wikipedia - “American-style pigs in blankets.” by stef yau

12. Juli 2010 | Von Wilhelm Entenmann | Kategorie Entertainment & Medien
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4 Kommentare
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  1. Das ist ja wohl der Witz des Jahrhunderts:
    Die Beschwerdeausschussvorsitzende und die Geschäftsstelle [-> Mitglieder des Deutschen Presserats] haben im Laufe des Vorverfahrens besprochen, dass diese Art der Umschreibung in der Tat die Geschmacksfrage aufwirft. Die Auffassungen über guten und schlechten Geschmack sind bekanntlich jedoch sehr unterschiedlich. Der Deutsche Presserat hat es sich zum Prinzip gemacht, grundsätzlich keine Bewertung über Geschmacksfragen abzugeben.”
    Juhu, wer Gammelfleisch handelt, handelt je nach Geschmack richtig oder aber falsch. Reine Geschmacksfrage, das wird die Döner Gammelfleischhändler erfreuen.
    Danke für diesen unterhaltenden Beitrag

  2. @anaximander

    Der Brief des Deutschen Presserates ging am Wochenende durch mehrere Hände.
    Allgemein schwankte man zwischen euphorischer Erheiterung und entsetzter Verstimmung.

    Allerdings sehe ich das Ergebnis, wie bereits im Text angemerkt, ganz pragmatisch: Sollte mal wieder jemand wegen Diskriminierung “klagen”, dann werde ich die diesbezügliche Sache zur Geschmacksfrage definieren.

  3. @Wilhelm - Vielleicht kommt man da ja zu einer Übereinkunft: Diskriminierung = Geschmacksschache Dann wäre der Presserat wenigstens für Etwas gut….

  4. Wir werden von Gammelfleisch regiert, da macht doch das bisschen Showgeschäft die Wurst auch nicht fett.

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